Die Gerüchte sind nie verstummt. Seit dem
Ende des Zweiten Weltkrieges munkelt man
in Bruchsal hinter vorgehaltener Hand, es
habe einen Mord an einem abgestürzten
amerikanischen Piloten gegeben. Er sei im
März 1945 von aufgebrachten Bauern erschla-
gen worden. Über diesen Mord schweigen
mutmaßliche Täter und Zeugen bis heute.
Bei den Recherchen zu seinem Buch „Als
der Himmel Feuer spie – Der Luftkrieg über
Kraichgau, Hardt und Buhrain“ entdeckte der
Journalist Peter Huber das Wrack eines ameri-
kanischen Jagdbombers vom Typ „Thunder-
bolt“. Vom Piloten fehlte jede Spur.
Hinweisen zufolge griff der Jagdbomber
die Bahnstrecke Bruchsal-Upstadt an und
flog vor Upstadt in einer Rechtskurve Rich-
tung Göcklesberg und soll dabei Bauern auf
den Feldern beschossen haben. Bei einem
zweiten Angriff sei die Maschine von der Flak
getroffen worden, die oberhalb der Reich-
straße 3 (bei der heutigen Mülldeponie) lag.
Der Pilot, so heißt es, sei abgesprungen, mit
dem Fallschirm gelandet, von den Bauern
erschlagen und verscharrt worden.
Viele Jahre später erhielt Peter Huber, der
auch das Bruchsaler Bergungsteam leitet, von
einer Gruppe von Hobbyhistorikern, die ver-
misste Piloten und Flugzeuge suchen, einen
anonymen Hinweis. Ein Mann wollte sein
Gewissen erleichtern. 1967 habe er mitgehol-
fen, die Leiche eines Unbekannten zu ver-
scharren, die er und andere beim Bau einer
Gartentreppe auf einem Hanggrundstück zwi-
schen Bruchsal und Ubstadt entdeckt hatten.
Die Männer wollten nichts mit der Sache zu
tun haben, weil sie glaubten, es handele sich
um die Leiche des ermordeten Piloten.
Tatsächlich entdeckten die Hobbyhistori-
ker, die bereits über siebzig deutsche und
alliierte Flugzeuge gefunden haben, ein Ske-
lett. Es wurde aufwendig geborgen: Techni-
ker der Bereitschaftspolizei säuberten die
Fundstelle auf dem seit zwanzig Jahren ver-
wilderten Brachgrundstück am Rollenberg.
Bundeswehrfeldjäger sicherten die Grabungs-
stelle. Die US-Army schickte neun Spezialis-
ten der US-Dienststelle für die Bergung und
Identifizierung von US-Soldaten in Europa
aus Landstuhl in der Pfalz.
Das große Interesse vor allem der Ameri-
kaner lässt sich einfach erklären: Noch im-
mer vermisst die US-Army mehr als 40 000
Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg, darun-
ter über dreitausend Flieger. In vielen Fällen
sitzen oder liegen ihre Überreste in den noch
nicht entdeckten Flugzeugswracks. Andere
Piloten überlebten den Absturz und wurden
von Deutschen ermordet. Erstaunlicherweise
gibt es bis heute keine umfassende, überre-
gionale Untersuchung dieses Kapitels des
Zweiten Weltkrieges. Wir kennen die Zahl
der Ermordeten nicht, sie liegt schätzungs-
weise im dreistelligen Bereich.
Immer wieder taucht im Zusammenhang
mit den Lynchmorden an alliiertem Flugper-
sonal der Begriff „Volkszorn“ auf. Handelt es
sich bei diesen Morden um eine Form von
Notwehr der durch die Luftangriffe gepeinig-
ten Bevölkerung?
Aus dem Tagebuch von Josef Goebbels
(Eintrag vom 24. Mai 1944) wissen wir, dass
er sich mit Hitler über einen Artikel zum
Luftkrieg abstimmte. Darin sollte er schrei-
ben, dass die Reichsregierung „solche Piloten
nicht mehr vor der Wut des Volkes . . .
schützen“ könne, die Zivilisten auf Feldern
und Landstraßen „aus Höhen von 50 und
sogar 20 m“ beschießen würden. Goebbels
schrieb den Artikel am 25. Mai 1944. Im
„Völkischen Beobachter“ erschien er am
28./29. Mai 1944 auf der Titelseite mit der
Überschrift „Ein Wort zum feindlichen Luft-
terror“. Nach Goebbels verfolgt der „feindli-
che Luftterror“ ausschließlich das Ziel, „die
Moral der deutschen Zivilbevölkerung zu
brechen“. Das Kriegspotenzial des Deutschen
Reiches werde „durch den feindlichen Luftter-
ror vielleicht zu einem Prozent getroffen“,
während die restlichen 99 Prozent „eindeutig
auf den zivilen Sektor entfallen“.
Er führt dann einige Stellungnahmen aus
der amerikanischen und englischen Presse
sowie Äußerungen britischer Geistlicher an,
die „eine glatte Aufforderung zum Mord an
Frauen und Kindern“ darstellten, wie Goeb-
bels schrieb. Bislang habe die Reichsregie-
rung diese Stellungnahmen dem deutschen
Volk nicht mitgeteilt, da zu befürchten sei,
dass das deutsche Volk „zur Selbsthilfe schrei-
ten und an den aus abgeschossenen Feind-
flugzeugen abspringenden Piloten Gleiches
mit Gleichem vergelten würde“. Das deut-
sche Volk denke in dieser Frage „viel radika-
ler als seine Regierung“, die den Krieg „in
ritterlichen Formen“ abwickeln wolle. Doch
nun würden sich Rücksichtnahmen „verbie-
ten“, schrieb Goebbels weiter. Es wäre „zu
viel von uns verlangt, wenn man von uns
forderte, dass wir deutsche Soldaten zum
Schutz für Kindermörder einsetzen“.
Im Anschluss an Goebbels Artikel setzte
sich eine koordinierte Bewegung der Nazi-
Maschinerie in Gang. Martin Bormann, der
Leiter der Parteikanzlei, erließ schon am
30. Mai 1944 ein geheimes Rundschreiben an
die Reichsleiter, Gauleiter, Verbändeführer
und Kreisleiter der NSDAP; die Ortsgruppen-
führer durften „nur mündlich in Kenntnis“
gesetzt werden. Bormann befasste sich darin
mit der „Volksjustiz gegen anglo-amerikani-
sche Mörder“. Mehrfach sei es vorgekom-
men, so Bormann, dass „abgesprungene oder
notgelandete Besatzungsmitglieder solcher
Flugzeuge unmittelbar nach der Festnahme
durch die aufs äußerste empörte Bevölke-
rung an Ort und Stelle gelyncht wurden“.
Von „polizeilicher und strafgerichtlicher Ver-
folgung der daran beteiligten Volksgenossen“
sei abzusehen.
Reichsminister Lammers, der Chef der
Staatskanzlei, leitete das Rundschreiben an
den Reichsminister für Justiz weiter. Der
verfügte gemeinsam mit seinem Staatssekre-
tär Klemm, dass ihm alle Fälle der „Volksjus-
tiz gegen anglo-amerikanische Mörder vorzu-
legen seien, „zur Prüfung der Frage einer
Einstellung des Verfahrens“.
Wie die Nazijustiz diese Direktive um-
setzte, zeigt der Fall zweier ermordeter kana-
discher Flieger in Kranneburg. Der Oberstaats-
anwalt beim Oberlandesgericht Düsseldorf H.
Hagemann bearbeitete die Anklage gegen
einen SA-Führer namens Klütgen. Dieser er-
schoss im September 1944 im Beisein des
Kreisleiters Hartmann zwei Kanadier, die in
Internierungslager gebracht werden sollten.
Der Oberstaatsanwalt unterrichte das Justiz-
ministerium telefonisch und schriftlich über
den Doppelmord und bat um die Erlaubnis,
den Kreisleiter zu vernehmen. Da diese nicht
erteilt wurde, tat er – nichts. Klütgen konnte
sich frei bewegen und wurde erst nach dem
Krieg in Dachau vor Gericht gestellt und zum
Tode verurteilt.
Neben der Justiz wurde auch die Polizei
auf Linie gebracht: Am 6. Juni 1944 trafen
sich Göring, Ribbentrop und Himmler zu
einer Besprechung im Führerhauptquartier.
Heinrich Himmler, der berüchtigte Reichsfüh-
rer SS und Chef der Polizei, gab die Anwei-
sung, die Polizei habe sich nicht in die
Auseinandersetzungen zwischen „deutschen
Volksgenossen“ und abgeschossenen alliier-
ten Fliegern einzumischen. Zuvor hatte
schon der mecklenburgische Gauleiter Hilde-
brandt verlangt, alle britischen Bomberpilo-
ten summarisch hinzurichten. Das Auswär-
tige Amt signalisierte trotz „außenpolitischer
und völkerrechtlicher Einwendungen“ das
Einverständnis des Amtes. Da ließ sich die
Wehrmacht auch nicht lumpen: Generalfeld-
marschall Keitel untersagte in einem gehei-
men Befehl Soldaten den Schutz von alliier-
tem Flugpersonal, wenn dieses von deut-
schen Zivilisten angegriffen wurde.
Es ist anzunehmen, dass ab Mitte 1944
die Funktionäre der NSDAP bis hin zu den
Ortsgruppenleitern und wohl auch zu den
meisten Naziparteimitgliedern der Meinung
waren, einen abgeschossenen alliierten Flie-
ger könne man straflos töten.
Wie sich solche Morde praktisch abge-
spielt haben, kann man der Zeugenaussage
von Hugo Grüner entnehmen, der mit ande-
ren im Oktober/November 1944 alliierte Flie-
ger in Rheinweiler ermordete. Grüner gab zu
Protokoll, dass Robert Wagner, der Gauleiter
von Baden/Elsass, den Befehl gab, „alle alliier-
ten Flieger, die in Gefangenschaft geraten,
niederzumachen“. Wagner habe betont, dass
die „Kreisleiter, wenn sich die Gelegenheit
böte, nicht verfehlen sollten, die festgenom-
menen feindlichen Flieger selbst zu erschie-
ßen“. Grüner gestand in der Vernehmung,
dass er vier Flieger durch Schüsse in den
Rücken ermordet habe.
Ein anderes Beispiel sind die Morde an
fünf englischen Fliegern in Pforzheim/Hu-
chenfeld. Sieben Flieger sprangen aus ihrem
beschädigten Flugzeug ab, vier von ihnen
wurden gefangen genommen und auf Be-
schluss des dortigen Kreisleiters der NSDAP
erschossen – als Sündenböcke für den Angriff
auf die Stadt im Februar 1945. Mit den
Morden sollte dem „gerechten Volkszorn“
Ausdruck verliehen werden. Ein weiterer bri-
tischer Soldat, der fliehen konnte, wurde am
nächsten Tag gefangen und ebenfalls umge-
bracht. Die zwei anderen überlebten in ei-
nem deutschen Kriegsgefangenenlager.
Der „gerechte Volkszorn“ stellt sich bei
näherer Betrachtung als eine von den Nazis
inszenierte Massenmordkampagne dar. Sie
verletzten damit systematisch und absicht-
lich das Völkerrecht. Die Genfer Konvention,
die die Nazis 1934 ratifiziert hatten, legt im
Artikel 2 eindeutig fest: Die Kriegsgefange-
nen müssen jederzeit mit Menschlichkeit
behandelt und insbesondere gegen Gewalttä-
tigkeiten, Beleidigungen und öffentliche Neu-
gier geschützt werden. Vergeltungsmaßnah-
men an ihnen auszuüben ist verboten. Auch
die Haager Landkriegsordnung ist eindeutig:
Tötung oder Verwundung eines die Waffen
streckenden oder wehrlosen Feindes, der
sich auf Gnade oder Ungnade ergeben hat, ist
gemäß Artikel 23 untersagt.
Hobbyhistoriker haben nicht nur in Bruch-
sal lokale Fälle untersucht. Auch in der Eifel
forscht eine Bürgergruppe nach Vermissten.
Engagierte Laien haben die Internetseite
www.flieger-lynchmorde.de eingerichtet, die
eine (unvollständige) Auflistung der bekannt
gewordenen Morde an alliierten Fliegern ent-
hält. Die Liste lässt den Schluss zu, dass die
Täter in den meisten Fällen aus Partei- oder
Staatsapparat der Nazis stammen.
Einige Beispiele: in Berlin erschoss der
SS-Brigadeführer Alfred Ingemar Berndt, Mi-
nisterialdirigent in Goebbels Ministerium,
den gefangenen US-Fliegerleutnant Dennis
auf offener Straße. Im September 1944 ermor-
dete der Oberwachtmeister W. in Gießen den
Flieger-Leutnant Nichols Darwin. Am 22. Mai
1944 ermordeten deutsche Hilfspolizisten ei-
nen amerikanischen Flieger (Heckschütze Hil-
debrandt) bei Nettelsee in Schleswig-Hol-
stein. Am 7. Juli 1944: Ermordung zweier
Amerikaner durch Gestapo-Angehörige in
Bad Harzburg. Am 19. oder 20. Juli 1944:
Ermordung des amerikanischen Fliegers Ar-
thur W. Manosh in Moosinning (Kreis Erding)
durch einen NS-Funktionär.
Von dieser Website stammt auch das
folgende Zitat über den wohl bekanntesten
Lynchmord an alliiertem Fliegerpersonal. Am
26. August 1944, unmittelbar nach der Bom-
bardierung Rüsselsheims durch britische Flie-
ger, wurden acht amerikanische Flieger, die
am Tag zuvor bei Osnabrück gefangen genom-
men worden waren, auf dem Weg zum
Kriegsgefangenenlager Oberursel durch die
Stadt geführt. Das Zitat ist ein Auszug aus der
Darstellung des amerikanischen Ermittlers
Major Luke P. Rogers:
„Als sich die Gefangenen dem Park-Hotel
näherten, liefen drei Frauen, Käthe Reinhardt,
ihre Schwester Margarete Witzler und deren
Tochter Lilo, zum daneben befindlichen Tabakla-
den und schrien: ‚Dies sind die teuflischen
Flieger. Schlagt sie tot!‘ Es versammelte sich
eine Menschenmenge, die sich als Resultat des
Angriffs in der vorhergehenden Nacht in bedroh-
licher Stimmung befand. Dann begannen die
drei Frauen Steine auf die Gefangenen zu
werfen. Die Menschenmenge vergrößerte sich.
Zu diesem Zeitpunkt schlug ein Kneipen-
wirt, Philip Gutlich, einen der Flieger mit einem
Knüppel. Die beiden deutschen Soldaten, die die
Gefangenen bewachten, taten nichts, um sie zu
schützen. Nun begannen die Flieger zu laufen.
Da einer der Gefangenen ein verletztes Bein
hatte, trugen zwei von ihnen ihn auf ihrem
Rücken. Hier griff der Ortsgruppenleiter Joseph
Hartgen in die Szene ein. In wahrer Nazimanier
machte er seine Anwesenheit bald spürbar. Er
schrie der Menge zu, die Flieger totzuschlagen
und feuerte mit der Pistole mehrere Male in die
Luft, um sie noch weiter anzufeuern.
Nachdem die bedrängten Flieger zunächst
die Hauptstraße entlangliefen, kamen sie zu
einer Seitenstraße. In ihr versuchten sie ihren
Angreifern zu entkommen. Die Menge folgte
ihnen wie Bestien. Nach einer kurzen Wegstre-
cke diese Straße hinunter schlug der Bauer
Johannes Seipel die Gefangenen mit einem
Knüppel. Der Fabrikarbeiter Georg Daum
schlug ebenfalls mit einer Schaufel auf sie ein,
während sie außerdem noch mit Ziegeln und
Steinen beworfen wurden. Darüber hinaus ver-
prügelte der Gleisarbeiter Johann Opper sie so
heftig mit einem Besen, dass der Stiel in seinen
Händen zerbrach.
Am Ende der Straße war ein Eisenbahnge-
lände, das von einer ca. 6 Fuß hohen Mauer
begrenzt war. Die unglücklichen Gefangenen,
die müde und zudem schlimm zugerichtet wa-
ren, wandten sich nach rechts zu jener Stelle
und drängten sich gegen die Mauer, um sich
vor dem Mob zu schützen. Hier spielte sich die
wahrhaft brutale Phase des Mordens ab. Drei
Fabrikarbeiter, August Wolf, Karl Fugmann und
Friedrich Wust, kamen von der anderen Seite
der Bahngleise herüber. Als die Flieger sich zum
Schutz an der Mauer zusammenkauerten,
beugte sich Wust über die Mauer und schlug
ihnen mit einem Hammer auf den Kopf. Wolf
und Fugmann warfen große Steine und Eisen-
bahnschwellen auf die Gefangenen. Hartgen,
der Ortsgruppenleiter, nahm aktiv an der Prüge-
lei teil und schlug ebenfalls mehreren Gefange-
nen mit dem Hammer auf den Kopf, als sie
bereits am Boden lagen. Außerdem beteiligten
sich noch drei oder vier Männer in deutscher
Uniform an der brutalen Prügelei. Nachdem es
schließlich kein Lebenszeichen der Opfer mehr
gab, schoss Hartgen mehreren in den Kopf. Die
Körper wurden auf einen Leiterwagen verladen,
der zum Friedhof der Stadt geschoben wurde.“
Zwei der amerikanischen Soldaten, Sid-
ney Brown und Bill Adams, überlebten das
Pogrom, indem sie sich tot stellten. Sie verlie-
ßen den Karren mit den Leichen ihrer Kame-
raden erst, nachdem es auf dem Friedhof
ganz still geworden war. Vier Tage später
wurden sie erneut gefasst und erlebten das
Ende des Krieges in einem Kriegsgefangenen-
lager. Russische Kriegsgefangene beerdigten
die erschlagenen Amerikaner schließlich,
und sie berichteten auch den eingerückten
amerikanischen Truppen von den Morden.
Ihre Aussagen führten zu einem Prozess ge-
gen die beteiligten Bürger aus Rüsselsheim,
der mit hohen Freiheitsstrafen und einigen
Todesurteilen endete.
In den ersten drei Jahren nach dem Krieg
führten die alliierten Besatzungsbehörden
mehrere hundert Prozesse gegen Deutsche,
die der Lynchjustiz beschuldigt wurden. Da-
nach übergaben sie Fälle an die deutsche
Justiz, die diese Delikte bestenfalls widerwil-
lig verfolgte. Eine Mauer des Schweigens
umgab bald die zahlreichen Morde an alliier-
ten Fliegern. Nur in den Erzählungen hinter
vorgehaltener Hand und zu später Stunde
tauchten diese Mordgeschichten wieder auf.
In Pforzheim wollte bis 1989 niemand etwas
von den Morden im Februar 1945 wissen.
Doch entschloss sich die Stadt mit einem
Gedenkstein an die Ereignisse zu erinnern.
Die Witwe eines der ermordeten britischen
Soldaten war bei der Enthüllung dabei. Der
entkommene Pilot ließ einen Kranz zum
Gedächtnis an alle Tote des 23. Februar 1945,
also auch der beim Luftangriff umgekomme-
nen Deutschen, niederlegen. Darauf stand:
„Denen, die litten und starben“.
Das Skelett, das Bruchsaler Bürger mit
den amerikanischen Spezialisten vor weni-
gen Jahren ausgruben, wurde vom Heidelber-
ger Institut für Rechtsmedizin untersucht.
Die Gerichtsmediziner kamen zu einem über-
raschenden Ergebnis: Das Skelett lag einige
hundert Jahre, vielleicht sogar mehr als tau-
send Jahre auf dem Bruchsaler Rollenberg.
„Eine Identität mit dem verschollenen ameri-
kanischen Jagdflieger ist somit auszuschlie-
ßen“, hieß es im Abschlussbericht.
Die Mauer des Schweigens in Bruchsal
wird wohl bis in alle Zeiten halten.
Wolfgang Schorlau ist Autor und lebt in
Stuttgart. Kürzlich erschien sein Kriminalro-
man „Das dunkle Schweigen“ (im Verlag
Kiepenheuer & Witsch) , in dem der Privatde-
tektiv Georg Dengler unversehens auf dieses
vergessene und verdrängte Kapitel der deut-
schen Geschichte stößt, auf den Fall eines
ermordeten Flugzeugpiloten.
Getötet, verscharrt, vergessen
Viele alliierte Piloten wurden nach dem Absturz gelyncht – Verdrängte Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg / Von Wolfgang Schorlau
D
ie Nazis setzten auf die
so genannte Volksjustiz
V
iele Täter waren offenbar
Mitglied der Partei
Aufklärungsarbeit im Juli 1945: das amerikanische Militärgericht in Darmstadt wirft diesen Angeklagten den Mord an sechs US-Piloten in Rüsselsheim vor.
Foto
Stadtarchiv Rüsselsheim
D
ie deutsche Justiz interessierte
sich kaum für die Morde
Wochenendbeilage der Stuttgarter Zeitung, Samstag, 14. Januar 2006
BRÜCKE
DIE
ZUR
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