Der Verbrecher produziert nicht nur Kompendien über das Kriminalrecht, nicht nur Strafgesetzbücher und damit auch Strafgesetzgeber, sondern auch Kunst, schöne Literatur, Romane...                                                       Karl Marx


News

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8. März 2018 Stuttgart
20 Uhr BUCHPREMIERE
"Der große Plan"
Moderation: Max Herre
Maritim Hotel - Alte Reithalle, Seidenstraße 34
- Ausverkauft -


Weitere Termine in Stuttgart:

14. März 2018 Stuttgart
20 Uhr Lesung "Der große Plan"
Buchhandlung Wittwer
Tickets hier

13. Juni 2018 Stuttgart
19.30 Uhr Lesung "Der große Plan"

AbtArt, Rembrandtstr. 18

20. Juni 2018 Stuttgart
Lesung "Der große Plan"

Theaterhaus
Siemensstr. 11


FEBRUAR

Die Droge wirkt

Jeden Morgen habe ich Angst, der Zauber sei verflogen. Unwichtiges drängt sich plötzlich in den Vordergrund: die beiden schmutzigen Tassen in der Spüle, die ungelesenen E-Mails im Postfach, das langweilige Buch, das ich gestern Abend in die Ecke werfen wollte.

Es gibt für mich kein besseres Gefühl, als mit einer eben geschriebenen Szene zufrieden zu sein. Diese Mischung von Euphorie und Wohligkeit, die sich mit nichts vergleichen lässt und die mich bestens gelaunt durch den Rest des Tages treiben lässt. Es ist meine Droge. Die beste, die ich je ausprobiert habe.

Doch mit jedem Aufwachen kommt der Zweifel: Gelingt es heute wieder? Ich sehe erneut die beiden Tassen, erinnere mich an die unbeantworteten E-Mails, und das langweilige Buch von gestern strömt einen fatalen Reiz aus. Das Anfangen fällt mir schwer. Der erste Satz.  Jeden Morgen. Es ist eine Qual. Cold turkey.

Dann steige ich in die U-Bahn, fahre drei Stationen und setze mich in den Lesesaal der Landesbibliothek, ganz hinten, möglichst in die letzte Reihe. Hier kann ich keine Tassen spülen, keine E-Mails beantworten, das misslungene Buch habe ich nicht mitgenommen. Alle arbeiten hier, die Jurastudenten lernen aus ihren großen roten Wälzern, angehende Ingenieure starren auf unverständliche Tabellen, ältere Männer sitzen vor verstaubten Folianten. Ich kann gar nicht anders: ich klappe den Laptop auf, öffne mein Notizheft, denke nach – und schreibe den ersten Satz. Der Zauber ist wieder da. Völlig versunken schreibe ich, bis ich erschöpft aufwache wie nach einem schweren Traum. Die Droge wirkt.

Über viele Jahre saß ich in diesem großen Lesesaal und bezwang meine Angst vorm ersten Satz. Die meisten meiner Dengler-Romane entstanden hier.

Doch nun ist etwas Neues eingetreten. Vielleicht hat es mit dem Älterwerden zu tun. Ich, der lizenzierte Langschläfer, wache früh auf. Lange vor dem Öffnungstermin der Bibliothek. Ich stehe auf, brühe einen sechsfachen Espresso und setze mich an meinen zweiten Arbeitsplatz, dem Schreibtisch in der Wohnung. Der Kaffee treibt den Blutdruck in die Höhe, ohne Angst klappe ich den Computer auf und fange an. Schreibe den ersten Satz. Der Zauber wirkt noch immer.

Veröffentlicht am 26.1.2018: https://www.buchreport.de/2018/01/26/die-droge-wirkt/?utm_source=buchreport&utm_content=Die%20Droge%20wirkt#038;utm_campaign=plus-gesehen#038;utm_medium=link.


JANUAR

Auf einen Teller Spaghetti bei Wolfgang Schorlau


 
Ein Herdgespräch mit Wolfgang Schorlau, geführt von der freien Journalistin Julia Lutzeyer im Auftrag der LesART. Themen sind sein neunter „Dengler“-Krimi „Der große Plan“, die sich trotz Rettungsschirm stetig verschlimmernden Zustände in Griechenland und der Verbleib von knapp 250 Milliarden Euro.
 
Bei den Esslinger Literaturtagen LesART ist der Stuttgarter Krimiautor Wolfgang Schorlau häufig zu Gast. Ob im Kutschersaal der Stadtbücherei, im Theater der Landesbühne, in der Kreissparkasse oder im Jazzkeller: Der Erfinder des Privatermittlers Georg Dengler las dort aus seinen politisch brisanten Krimis, stellte seine Biografie des Jazzers Wolfgang Dauner „Das brennende Klavier“ und „Rebellen“ vor, ein Roman über zwei ungleiche Freunde. Zur LesART 2017 bringt Schorlau seinen neuen „Dengler“ mit: „Der große Plan“. Die neunte Folge der Krimireihe erscheint am 8. März 2018 beim Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch und führt den Privatermittler nach Griechenland. Beim Kochen von Spaghetti aglio e olio in seiner geräumigen Küche mit Kacheln aus der Jugendstilzeit verrät Schorlau, welchen Machenschaften Dengler in Stuttgart, Berlin und Athen hinterher ist.
 
Herr Schorlau, während Sie Olivenöl, Knoblauch und Chili in die Pfanne geben: In welchem Zustand ist Georg Dengler zu Beginn seines neunten Falls?
Es geht ihm schlecht. Wie immer. Er hat kein Geld, keinen Auftrag. Mit seiner Gefährtin, der Hackerin Olga, kriselt es ein wenig, zumindest sexuell gesehen.
 
Dieses Mal wird der Privatermittler von staatlicher Seite beauftragt, genauer vom Auswärtigen Amt ...
Ja, er hat sich mit dem Aufspüren von verschwundenen Personen schon einen Namen gemacht. Und als in Berlin eines Nachts eine EU-Beamtin abhanden kommt, erhält er den Auftrag, diese zu suchen. Das Landeskriminalamt ermittelt ebenso. Von Dengler erwartet man einen unabhängigen Blick.
 
Was können Sie über die EU-Beamtin verraten?
Wenn ich ihren Namen nicht noch ändere, heißt sie Anna Hartmann, und ist eine Deutsch-Griechin. Ihre Mutter ist Griechin, ihr Vater ein Deutscher. Die Beamtin arbeitet bei dem als Troika bekannt gewordenen Zusammenschluss von Europäischer Zentralbank (EZB), Internationalem Währungsfond (IWF) und EU-Kommission, der über die Hilfsgelder an Griechenland entscheiden.
 
Damit führt die inhaltliche Spur des neuen Degler-Krimis wohl ins hochverschuldete Griechenland ...
Mich interessiert, wo das ganze Geld geblieben ist: rund 250 Milliarden Euro. Bei all den täglichen Berichten in den Medien über Griechenland vor einigen Jahren und den sogenannten Rettungsschirm erfuhr man darüber kein Wort. Fest steht: Dem Land und seiner Bevölkerung geht es immer schlechter. 250 Milliarden Euro für ein Land mit gerademal elf Millionen Einwohnern, kaum mehr als in Baden-Württemberg leben: Da müsste sich doch etwas verbessern. Offensichtlich kommt das Geld dort gar nicht an.
 
Wohin fließt es dann?
Nur zu einem Bruchteil in den griechischen Haushalt, zum weitaus größten Teil an private Banken, Hedge-Fonds und Versicherungen, die sich verspekuliert haben. Sie sind auch verantwortlich dafür, dass die Verschuldung des griechischen Haushaltes sehr viel größer ausfiel, als zum Zeitpunkt des Regierungswechsels 2009 bekannt war.
 
Das müssen Sie erklären.
Banken wie Goldman Sachs und JP Morgan aus den USA und die Schweizer UPS haben die griechischen Staatsschulden in sogenannte Swabs umgewandelt. Das sind Wettgeschäfte, die außerhalb der Börse laufen und damals nicht meldepflichtig waren. Sie tauchten in keiner Bilanz auf. Die Banken haben damit viel verdient, während die Staatsschulden unbemerkt wuchsen, und darauf spekuliert, dass am Ende die Steuerzahler die Zeche begleicht. So ist es gekommen: Die Finanzhilfen haben private Banken saniert.
 
Wie erfährt Georg Dengler davon?
Er findet heraus, dass die EU-Beamtin einen Liebhaber in Griechenland hat und macht sich auf die Suche nach ihm. Von ihm erhält er Einblick in die Zusammenhänge. Als Informanten spielen außerdem ein Stuttgarter Journalist und eine neue Mitarbeiterin von Dengler wichtige Rollen. Sie heißt Petra Wolff.
 
Eine neue Mitarbeiterin? Sie wird doch nicht etwa Olga ablösen?
Nein, Olga wird nach wie vor gebraucht: Als Hackerin knackt sie Mobiltelefone. Auch Mario, Künstler und Koch zugleich, und Denglers Nachbar Martin Klein werden erneut auftauchen.
 
Sie geben frische Tomaten zu den Spaghetti aglio e olio...
Ja, das ist meine einzige Abweichung vom klassischen Rezept: Olivenöl, Knoblauch, frische Chili, klein geschnitten, glatte Petersilie und dann eben noch frische, geachtelte Tomaten. Obendrauf: geriebener Parmesan. Fertig!
 
In Griechenland würde man wohl Feta verwenden. Waren Sie selbst dort?
Ja, ich war in Athen, begleitet von einer Übersetzerin, die mir das dortige Goethe-Institut vermittelt hat. Ich wollte mir einen Überblick über die gesellschaftliche Lage in Folge der verordneten Sparmaßnahmen verschaffen, habe Sozialstationen und Krankenhäuser besucht. Bei aller Armut, die ich mich erschütterte, hat mich die große Solidarität unter den Griechen beeindruckt. Der geringschätzige Blick auf Griechenland im Rest Europas ist ungerecht und hatte System.
 
System? Mit welchem Ziel?
Nahezu alle deutschen Medien, von der Bild-Zeitung bis zum Spiegel, haben in der Öffentlichkeit aufs Übelste das Bild vom faulen und korrupten griechischen Volk gezeichnet. Das war eine regelrechte Rufmordkampagne einer ganzen Nation, die von den Geldflüssen abgelenkt hat. Allein die Berliner taz hat dabei nicht mitgemacht. Die Krise hat aber mit den ökonomischen Strukturen zu tun. In jedem europäischen Land hat sich die Industrialisierung nun mal zu einem anderen Zeitpunkt entwickelt. Daher bin ich auch für mehr Europa, nicht für weniger Europa.
 
Das heißt konkret?
Entsprechend dem Länderfinanzausgleich müsste die EU wirtschaftlich schwache Mitglieder unterstützen, ohne Forderungen zu stellen, die weniger stark entwickelte Länder gar nicht erfüllen können. Das wäre, als verlange man von der Region Schwäbische Alb die gleiche Wirtschaftsleistung wie von der hochindustrialisierten Region Stuttgart. Bei Griechenland wäre zumindest die Halbierung der Schulden, wenn nicht ein Schuldenschnitt angebracht. Der IWF war sogar dafür, aber Bundesfinanzminister Wolfang Schäuble hat sich quer gestellt, ebenso die Franzosen unter Nicolas Sarkozy.
 
Griechenland ist die Wiege Europas und der Demokratie. Zählt das in den anderen EU-Ländern denn nichts?
Das war und ist höchstens in den Feuilletons ein Thema. Nein, Griechenland zählte nur als Absatzmarkt – ob für Lebensmittel von Carrefour oder Lidl, für Waffen wie dem Leopard-Panzer aus deutscher Produktion. Die Stückzahl dieser Panzer in Griechenland ist höher als in Deutschland.
 
Bevor uns der Appetit aufs Mittagessen vergeht: Was lernt Georg Dengler aus dem Fall?
Er gewinnt einen neuen Blick auf Griechenland, vor allem aber auf Deutschland: Wie sehen uns die anderen? Welches Bild geben wir ab, während wir denken, in einem Land zu leben, das besser dasteht als alle anderen?
 
Sie waren schon häufig zu Gast bei der LesART. Wie erleben Sie Atmosphäre und Publikum?
Egal in welcher Umgebung: Ich habe mich immer sehr wohl gefühlt. An den Fragen des Publikums merkt man deutlich, dass es die Figuren kennt und meine Romane gelesen hat. Das fällt mir dort mehr auf als andernorts. Jetzt aber: zu Tisch und guten Appetit!
 
Vielen Dank für das Gespräch und fürs Kochen.