„Er las immer Agamemnon statt angenommen,
so sehr hatte er den Homer gelesen.“ Dieser
berühmte Eintrag in Lichtenbergs Sudelbuch
zeigt schon, wozu kluge Köpfe fähig sind.
Gegen das Trugspiel der Projektion ist eben
keiner gefeit, auch der Beste nicht. Und wie
narrt Missverstehen erst den Dummen!
Von den Kindern, die noch lernen müs-
sen, weiß man, dass sogar schlichte Kirchen-
lieder die Fantasie überfordern. Zu Holger,
Knabe im lockigen Haar, gesellen sich der
Engel Koor und der heilige Geist Armin, und
Gottes Sohn Owi lacht. „Gott, der Herr, hat
sieben Zähne“, singen die Kinder und „mor-
gen früh, wenn Gott will, wirst du wieder
gewürgt“. Aus dem Erzbischof machen sie
einen Erdbeerschorsch, und den paradiesi-
schen Sündenfall begreifen sie zeitnah, da
die Menschen „sündigten in einem Ford“.
Und hat nicht mein Bruder, als er noch
ein Brüderchen war, angewidert gebetet:
„Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnaden“?
Wobei ihn jedes Mal der blanke Ekel schüt-
telte, weil er die Gnaden als eine Art Milben
begriff, kribbelnd am Kopf der Gebenedeiten.
Auch im säkularen Liede lauert Unbegreif-
liches. Singt die Milva von der Freiheit, verste-
hen wir klar Lee-ber-traan. Schlagerfreunde,
die den Wüstensand zum „brennend heißen
Würstelstand“ verkehren und schmettern:
„Steig in das Schlauchboot der Liebe“, lassen
offen, ob das von Hörbeschwerden herrührt
oder vom Mutwillen. Sicher ist aber, dass
Claudius mit dem Abendlied etliche Kinder
verdutzt hat. Was denen die Mutter vorlas,
bedachten sie schaudernd: „Und aus den
Wiesen steiget der weiße Neger Wumbaba.“
Auch Größere, auch Größte irren. Das
beweist der Schwadroneur, der den Ölmagna-
ten einen Ölmagneten nennt und aus dem
Beiwort arbiträr den Arbeiter herausliest.
Sogar ganze Phrasen des gehobenen Um-
gangstons deuten sie um, ebenso furcht- wie
kenntnislos – zum Beispiel die Phrase es sei
denn. „Großartige Umsätze“, warnt ein Fi-
nanzberater im Internet, „können dabei nicht
erzielt werden. Seitdem man bezieht die
bisherigen Umsätze von ComWin mit ein.“
Diesen eigentümlichen Gebrauch von seit-
dem machen sie häufig, die Schreiber in den
Web-Foren. Man lasse den Verunglückten
liegen, rät ein Erster-Hilfe-Mann – „es seit-
dem, er kann schlecht atmen“. – „Ich würde
nicht sagen, dass das missglückt war“, urteilt
ein fotocommunity-Mitglied. „Es seitdem du
hast etwas anderes erwartet.“ – Kupplung zu
hart? Da wisse er einen Trick, meint der
Schreiber von „autoextrem.de“, „seitdem du
hast schon Probleme, den Gang einzulegen“.
Keinen Begriff von etwas haben und ihn
dennoch benutzen, darauf kömmt’s an. Lich-
tenberg heute griffe vermutlich angeregt
nach seinem Sudelbuch. Es seitdem, er hätte
sich just jetzt des Agamemnon angenommen.
Mit einer Filmnacht werden am heutigen
Samstagabend die Festspiele Ludwigshafen
eröffnet. Bis 16. Dezember gastieren 17 inter-
nationale Schauspiel- und Tanztheaterensem-
bles, darunter Maurice Béjarts Ballett Lau-
sanne, das Aterballetto Reggio Emilia von
Mauro Bigonzetti oder die Hubbard Street
Dance Company (Chicago). Mit dem Sloweni-
schen Nationaltheater Maribor hat der Fest-
spielleiter Hansgünther Heyme Euripides’
„Orestes“ erarbeitet; das Schauspielhaus Bo-
chum steuert Elmar Goerdens Inszenierung
von Goethes „Iphigenie auf Tauris“ bei. Einen
Schwerpunkt setzt das Berliner Ensemble mit
einer Brechtwoche. Das St.-Pauli-Theater
zeigt Shelagh Delaneys „Bitteren Honig“ in
der Regie von Peter Zadek.
kir
www.theater-im-pfalzbau.de
Fünf Minuten Deutsch
Es sei denn,
Agamemnon war’s
Wenn Maurice Béjart lädt, dann strömen die
Massen. Der Choreograf füllt mit seinen
eklektizistischen Spektakeln seit Jahrzehnten
weltweit die Theater und Hallen. Das ist auch
in Lausanne nicht anders gewesen und schon
gar nicht bei der Jubiläumsproduktion „La vie
du danseur“. Gefeiert werden diese Spielzeit
die mittlerweile zwanzigjährige Residenz in
Lausanne und der 80. Geburtstag des Meis-
ters, der unermüdlich neue Ballette kreiert.
Schon immer ging es in Béjarts Werken
auch um ihn selbst. Mittlerweile sind Leben
und Werk gar nicht mehr zu trennen, und die
neuesten Choreografien bestehen zu großen
Teilen aus Selbstzitaten. „La vie du danseur“
macht da keine Ausnahme. Auf dem Plakat
prangt gleich viermal Béjarts Gesicht, erzählt
wird seine Biografie, was folglich nur bedeu-
ten kann: sein Werk. Die Hauptfigur ist der
Tänzer, „le danseur“, oder eben Béjart selbst.
Getanzt wird er von Gil Roman, seit 1979 bei
Béjart und mittlerweile stellvertretender Di-
rektor, ein auch nicht mehr ganz junger, aber
immer noch großartiger Tänzer. Um ihn he-
rum gruppiert sich ein kunterbuntes Perso-
nal: eine resolute Ballettmeisterin, Siegfried
(aus Wagners „Ring“, den Béjart einmal cho-
reografierte), Salvador Dalí (mit dem er einst
zusammenarbeitete), der Tod, die Ballerina
(sehr elegant: Elisabet Ros), Zig und Puce,
zwei clowneske Kinderbuchfiguren, und der
Pinguin Alfred.
Zu Beginn wird mit dem harten Training
an der Stange und dem Umzug von Marseille
nach Paris noch versucht, eine Biografie zu
erzählen, doch bald löst sich das Leben im
Werk auf. Zu sehen ist in der Folge eine lose
Revue aus Anspielungen auf frühere Produk-
tionen in gewohnt unbekümmertem Stilmix.
Es gibt ein paar sehr schöne Szenen, das
poetische Duo von Charlie Chaplin und der
Ballerina oder beeindruckende Männercho-
reografien mit schwierigen Sprüngen. Das
Bühnenbild von Béjarts legendärem „Bolero“
taucht auf, doch getanzt wird nicht zum
Bolero, sondern zu einer Valse von Ravel.
Auch bei Strawinskys „Feuervogel“ erklingt
diesmal das Adagio, zu dem üblicherweise
nicht getanzt wird. Neben solchen interessan-
ten Wendungen und effektvollen Gruppen-
szenen stehen aber auch peinliche Momente,
so, wenn sich die Protagonisten zu „Streets of
Love“ von den Rolling Stones expressiv und
ziemlich planlos verausgaben.
Dann kommt der Tod ins Spiel, eine Figur,
die sich bei Béjart regelmäßig findet und der
im Alterswerk natürlich eine spezielle Bedeu-
tung zukommt. Der Protagonist lässt sich
mutig auf einen Zweikampf mit ihm ein und
vermag ihn sogar zu bezwingen – worauf das
Ganze von vorne beginnt. Der Tänzer findet
sich trainierend an der Stange wieder, sein
Leben dreht sich im Kreis. Für den Choreogra-
fen aber scheint das nicht zu gelten. Auf den
Pinguin Alfred gestützt, betritt er kurz die
Bühne, um den Beifall entgegenzunehmen.
Zum ersten Mal wirkt der Rastlose nun doch
gealtert. Das Publikum erweist ihm stehend
die Ehre, in erster Linie für vergangene Taten.
Weitere Vorstellungen heute und morgen im
Théâtre de Beaulieu in Lausanne
Eine große Landesausstellung über die An-
fänge der Zivilisation in Anatolien wird im
Januar in Karlsruhe ihre Pforten öffnen. Das
Badische Landesmuseum rechnet mit mehr
als 100 000 Besuchern. Die Schau hat den
Titel „Vor 12 000 Jahren in Anatolien – Die
ältesten Monumente der Menschheit“. Vom
20. Januar an werden unter anderem Relikte
vom Tempelberg Göbekli Tepe an der syri-
schen Grenze und Çatal Höyük auf der anato-
lischen Hochebene gezeigt.
dpa
MUSIKZIMMER
Berlin muss Anziehungspunkt bleiben. Bei
Kultur und Wissenschaft lassen sich kaum
mehr Abstriche machen, andernfalls würde
die Zukunft der Stadt kaputtgespart. Darin
sind sich der sozialdemokratische Regierungs-
chef Klaus Wowereit und sein Kultursenator
Thomas Flierl von der Linkspartei auch nach
dem Karlsruher Spruch einig. Den Vergleich
der Bundesrichter mit Hamburg, begleitet
von der Kritik, dass Berlin sich, unter ande-
rem, zu viel Kultur leiste, hält Flierl für
unangemessen. Schließlich müsse die Hanse-
stadt „weder die historischen Erblasten tra-
gen noch die hauptstadtbedingten Lasten“,
sagt Flierls Sprecher Torsten Wöhlert. Über-
dies hätten die Bundesrichter die bisherigen
Sparanstrengungen bei den drei Opernhäu-
sern und den Hochschulen nicht beachtet.
Um Personal einzusparen, wurden die
Opern unter dem Dach einer Opernstiftung
zusammengefasst. Bis der Spareffekt sichtbar
wird, dauert es zwar länger als vorgesehen,
räumt Wöhlert ein, aber Berlin wird im
kommenden Jahr 25 Millionen Euro weniger
ausgeben als noch vor fünf Jahren. Der Regie-
rende Bürgermeister will weiter darauf drin-
gen, dass der Bund künftig die sanierungsbe-
dürftige Staatsoper finanziert, wie schon die
Festspiele, die Akademie der Künste, das
Jüdische Museum oder das Haus der Kultu-
ren der Welt. Doch der Bund hat nach dem
Karlsruher Urteil schon abgewinkt.
Deshalb ist die Schließung eines der drei
Häuser weiterhin Thema, und es läuft wohl
auf die Deutsche Oper hinaus. Allerdings sind
die drei Häuser Besuchermagneten. Es ist
gerade die Vielfalt kultureller Veranstaltun-
gen, die zu den Standortvorteilen der wirt-
schaftlich schwachen Hauptstadt zählt.
Schließlich war die Vereinigung verbunden
mit einer beispiellosen Deindustrialisierung
Berlins, weshalb nicht nur Wowereit und
Flierl es unfair finden, wenn Außenstehende
Kultur und Wissenschaft in der Stadt als
reinen Luxus betrachten. So weist die Vorsit-
zende des Kulturausschusses im Berliner Ab-
geordnetenhaus, Alice Ströver von den Grü-
nen, darauf hin, dass die Ausgaben für die
laufenden Kosten im Bereich Kultur sich seit
dem ersten Haushalt für ganz Berlin im Jahr
1991 bereits um die Hälfte verringert hätten.
Das Gleiche wie für die Opernhäuser gilt für
die Hochschulen, wo das Land ebenfalls Kür-
zungen vorgenommen, Stellen nicht wieder
besetzt und auf Kooperationen gedrungen
hat. Berlin hat 130 000 Studenten, nur knapp
die Hälfte davon sind Berliner.
Erheblich weniger Berliner besuchen da-
gegen die Universitäten anderer Bundeslän-
der. Den Zustrom von außen begrüßt Flierls
Sprecher als „Zukunftspotenzial“. Beliebt sei
Berlin möglicherweise auch, weil die südli-
chen Bundesländer in der Vergangenheit
„massiv Studienplätze abgebaut“ hätten. In-
zwischen habe sich allerdings herausgestellt,
dass Deutschland schon in naher Zukunft
über zu wenig Studienplätze verfügen wird.
Daher plane der Bund, den Ländern Geld zu
geben, damit sie zusätzliche Kapazitäten
schaffen können. Wenn Karlsruhe nun ange-
sichts dieser Situation Berlin vorwerfe, es
bilde Studenten weit über Bedarf aus, sei das
absurd. Allerdings werde man möglicher-
weise über Studiengebühren reden müssen.
Gerade dieses Thema reizt jedoch den Koaliti-
onspartner Linkspartei und wird die rot-ro-
ten Koalitionsverhandlungen voraussichtlich
erheblich belasten.
Da regt sich was! In strengem Geviert hat
Gabriele de Vecchi Stecknadeln in eine Kaut-
schukmembran gesetzt – wie ein Akupunk-
teur mit Liebe zur Geometrie. Doch plötzlich
geht ein nervöses Zucken durch die Gummi-
haut und einige der kleinen Metallstifte kip-
pen zur Seite weg, um sich etwas später
ebenso unvermittelt wieder aufzurichten. Ei-
gentlich denkt man ja, Quadrate seien dank
der Ausgewogenheit ihrer vier gleich langen
Seiten die Ruhe selbst. Aber von wegen!
Das ganz dem Quadratischen gewidmete
Museum Ritter in Waldenbuch bietet nun
aus einem halben Jahrhundert konkret-kon-
struktivistischer Kunst über sechzig Beispiele
für regelmäßige Rechtecke, denen die Lust
aufs Nichtstun vergangen ist. Wie aber
kommt, um den Titel der von Gerda Ridler
kuratierten Schau aufzugreifen, überhaupt
„Bewegung ins Quadrat“? Nun, da gibt es
viele Möglichkeiten: durch die Perspektiven-
tricks der Op Art, durch elektronische
Motoren oder digitale Animation. Ausge-
wählte Sammlungsstücke der Schokoladen-
fürstin Marli Hoppe-Ritter wurden um aus-
wärtige Leihgaben ergänzt, sodass diese erste
Themenausstellung des noch jungen Hauses
die diversen Varianten der geometrischen
Mobilmachung angemessen berücksichtigt –
von einem ungewohnt konstruktiven und
rostfreien Frühwerk Jean Tinguelys bis hin zu
den computergrafischen Flimmerkisten
Manfred Mohrs.
Der Eindruck, den die Schau hinterlässt,
ist zwiespältig. Einerseits lässt die systema-
tisch gehaltene Präsentation tatsächlich
nichts von dem vermissen, was zum Thema
zu erwarten war. Andererseits gibt es auch
keine wirklichen Überraschungen. Der Besu-
cher begegnet rotierenden Quadraten, Qua-
draten mit Glubschauge (Karl Gerstner) und
Quadraten, die man hören kann. Walter Giers
zumindest hat inmitten seiner Bastelei aus
Transistoren und Relais einen Lautsprecher
montiert, aus dem ein penetrantes Tuten
schallt. Für unseren Geschmack allerdings
spielen diese Ruckelgeometrien der kine-
tischen Kunst ein bisschen zu manieristisch
mit dem Elektronikbaukasten.
Neben all den Arbeiten, denen mehr oder
weniger raffinierte Technik auf die Sprünge
helfen muss, behaupten sich aber jene um so
besser, die allein auf den virtuellen Zauber
des Malerhandwerks vertrauen. Zum Beispiel
der Op-Art-Altmeister Victor Vasarely, des-
sen bunte Kreis-Quadrat-Muster sich mit
formgewaltiger Augentäuschung aus dem
Bild herausblähen wie ein Luftballon. Oder
François Morellet mit seinem abstrakten Neo-
impressionismus: Vor dem rotblauen Karree-
feld, das in pixelartige Einzelteile zerbrö-
ckelt, glaubt der Betrachter, jede Zelle seiner
gekitzelten Netzhaut zu spüren. Ist dies eine
durchaus angenehme körperliche Reaktion,
wird einem bei den kolossalen Kuben, die
Sabine Straub in bedrohlich-prekärer Instabi-
lität über dem Treppenaufgang installiert
hat, etwas mulmig zumute. Jedenfalls hofft
man, dass diese Quadrate der dritten Dimen-
sion nicht auch noch anfangen sich zu bewe-
gen und auf uns herunterfallen.
Bis 11. März, Di–So 11–18 Uhr, Alfred-Ritter-
Straße 27, Waldenbuch. Der Katalog (Wun-
derhorn-Verlag) kostet 24,80 Euro.
Als Günther Oettinger die Rücknahme der
Pläne zum Verkauf historischer Handschrif-
ten bekannt gab, aber auf der Zahlung von
30 Millionen Euro an das Haus Baden be-
harrte, fügte er entschuldigend hinzu, er
wolle nicht nachträglich eine Revolution voll-
enden; die Zeitungen berichteten.
Man fragt sich, warum eigentlich nicht.
Gedenken wir nicht in regelmäßigen Abstän-
den der gescheiterten Revolution von 1848,
als es dem Bürgertum nicht gelang, Men-
schenrechte, Verfassung, Einheit und die
Abschaffung des feudalen Regimes zu errin-
gen? Doch die gelungene Revolution von
1918/19, als es Deutschland zum Ende des
ersten Weltkriegs endlich schaffte, in den
Kreis der zivilisierten europäischen Staaten
einzutreten, wird heute immer noch miss-
trauisch beäugt.
Thomas Mann beschreibt in den „Budden-
brooks“ bereits die ambivalente Haltung des
Bürgertums zur Revolution von 1848. Der
von Mann nahe an der Karikatur gezeichnete
Corl Smolt, ein „etwa 22-jähriger Lagerarbei-
ter mit krummen Beinen“, der das Prinzip
der bürgerlichen Freiheit vertritt („Öawer dat
ist man bloß wegen das allgemeine Prinzip
von dat Wahlrecht“) unterliegt im Rede-
gefecht dem Konsul Buddenbrook: „,Großer
Gott, du Tropf‘, rief der Konsul und vergaß,
platt zu sprechen vor Indignation . . . ,Du
redest ja lauter Unsinn.‘“ Sein Schwieger-
vater Lebrecht Kröger geht mit den Forderun-
gen nach Freiheit, die ja im Grunde seine
eigenen sein müssten, noch stärker ins Ge-
richt. „Der alte Kröger schwieg, er schwieg
beängstigend . . . Dann aber kam es ganz tief
aus ihm heraus . . . langsam, kalt und schwer,
ein einziges Wort: ,Die Canaille‘.“
Norbert Elias weist in seiner Studie „Über
die Deutschen“ darauf hin, dass nach der
Niederlage von 1848 und noch mehr nach
dem Sieg des Deutschen Reiches über Frank-
reich 1871 das deutsche Bürgertum sich in
seinem Habitus den traditionellen Herrscher-
schichten, Fürsten und Adel, anpasste und
deren Verhaltensnormen übernahm.
In Deutschland, schrieb er, über-
wucherten die militärischen Modelle des Be-
fehlens und Gehorchens die städtischen Mo-
delle des Verhandelns und Überzeugens, die
sich in den europäischen Nachbarstaaten he-
rausgebildet hatten. Stadtbürgerliche Patri-
zier, die in den Niederlanden, in Venedig
oder in den Kantonen der Schweiz ihre
Unabhängigkeit gegenüber dem absoluten
Herrschaftsanspruch errungen hatten, bilde-
ten ein anderes, freieres Nationalbewusstsein
heraus als die Deutschen.
Nicht alle, aber weite Teile des deutschen
Bürgertums fügten sich nach 1871 in den
Militärstaat ein und kopierten seine Normen.
Elias beschreibt in seiner Studie insbeson-
dere das Duell als eine gesamteuropäische
Kultur des Adels. Doch nur in Deutschland
kopierten auch die bürgerlichen Studenten in
den Verbindungen und Burschenschaften
diese „gesellschaftlich gepflegte Kultur der
Gewalttätigkeit“. Sie brachte eine Gewöh-
nung an strenge Hierarchien mit sich, eine
besondere Betonung der Ungleichheit zwi-
schen den Menschen. Dies mag der Grund
sein, warum man sich gemeinhin angesichts
farbentragender Studenten heute noch
unwohl fühlt.
Die beste Beschreibung des Bürgers in
der wilhelminischen Zeit liefert Heinrich
Mann in seinem Roman „Der Untertan“.
Seine Figur Diederich Heßling ist das ideal-
typische Bild des deutschen Bürgers, der
lieber Untertan sein will: feige, obrigkeits-
hörig, nach oben buckelnd und nach unten
feste tretend. Kein Wunder, dass die Wei-
marer Republik nur von dem kleinen Teil des
aufgeklärten städtischen Bürgertums,
namentlich des jüdischen und den vielen
Corl Smolts, den sozialdemokratischen Ar-
beitermassen getragen wurde.
Der Verfasser der „Buddenbrooks“ selbst,
der noch während des Weltkrieges in den
„Betrachtungen eines Unpolitischen“ seine
sehr politische Skepsis gegenüber der Repu-
blik bekundet hatte, wandelte sich unter
dem Eindruck des zunehmenden Erfolgs der
Nazis zu einem überzeugten Verteidiger der
Demokratie. Große Teile des Untertanen-Bür-
gertums folgten ihm darin leider nicht.
Man reibt sich verwundert die Augen,
wenn einem heute, nach so vielen Jahrzehn-
ten und Generationen später, in einem Ne-
bensatz eines deutschen Ministerpräsidenten
diese trostlose Tradition erneut entgegen-
springt. Die Rechtsverhältnisse bei den Hand-
schriften und vielen anderen Kunstschätzen,
die das Haus Baden weiterhin ihr eigen
nennt, sind unter Experten stark umstritten.
Die absurde Vorstellung, ohne gerichtliche
Klärung einem Nachfahren des Adelshauses
aus dem Kulturetat 30 Millionen zu schen-
ken, schadet dem Land weit über diese
Summe hinaus. Das Hinterwäldlerische, das
Baden-Württemberg häufig nachgesagt wird
und das es vor kürzerer Zeit noch mit einer
millionenschweren Imagekampagne abstrei-
fen wollte, drängt sich bei der öffentlichen
Wahrnehmung des Landes nun wieder in den
Vordergrund. Oder zeitgemäß ausgedrückt:
Wir können alles, außer Mittelhochdeutsch.
Wolfgang Schorlau ist Autor von Romanen
und Drehbüchern und lebt in Stuttgart. Mitte
November erscheint sein dritter Dengler-
Krimi „Fremde Wasser“.
Landesausstellung zu
Anatolien-Grabungen
Beginn der Festspiele
in Ludwigshafen
Blick zurück auf das Leben des Tänzers
Maurice Béjart präsentiert zu seinem 80. Geburtstag sein neues Ballett in Lausanne
Mozart aus dem Kammerl
Es ist nicht so, dass der Pianist Fried-
rich Gulda sich Schnitzer erlaubte,
wenn er mozartsche Klaviersonaten
spielt, aber er interpretiert sie doch
sehr irdisch. Hier brüstet sich nicht der
perfekte Künstler; hier brütet ein fehl-
barer Mensch. Kinder merken sofort,
wenn diese gewisse Glätte fehlt, die
sonst bei Aufnahmen oft den Abstand
markiert zwischen eifrigen Amateuren
und abgeklärten Professionellen. Gul-
das rein zufällig wieder aufgetauchte
Sessionen sind am Attersee mit-
geschnitten worden, in der Weißen-
bacher Post; und man muss schon
sagen, dass der Bösendorfer vernehm-
lich klirrt. Andererseits wirkt es, als
spiele tatsächlich Mozart hier im Kam-
merl – und was will man mehr? miw
Folge 94 (Kinder, von 0 Jahren an): The
Gulda Mozart Tapes. Deutsche Grammo-
phon (DG) 00289 477 6130.
Die kulturelle Vielfalt ist ein Standortvorteil
Mit weiteren Kürzungen bei den Opern und Universitäten könnte Berlin kaputtgespart werden
Geometrische Mobilmachung
Das Museum Ritter in Waldenbuch bringt in einer neuen Ausstellung Bewegung ins Quadrat
Wir wollen
Untertan
sein!
Unser Verhältnis zum Haus
Baden und zum Adel überhaupt
Zurück zum Hinterwäldlertum
Von Felizitas Ammann
Holger Mader, Alexander Stublic, Heike Wiermann: „Cube“, 2001, Videoinstallation
Foto
Museum Ritter
Von Birgit Loff
Von Georg Leisten
Von Wolfgang Schorlau
Von Ruprecht Skasa-Weiß
Militärische Modelle des Befehlens
38
Samstag, 21. Oktober 2006
Stuttgarter Zeitung Nr. 244
KULTUR